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Das hässliche Gesicht der Welt im 20. Jahrhundert verzieht sich im 21. zur Fratze. Nichts sachlich Neues ist seit dem Beginn der neoliberalen Ära aufgetaucht. Neu ist in der globalen Gesellschaft der Gegenwart nur die brutale Verschärfung der Probleme. Diese waren vor einem halben Jahrhundert zwar schon durchaus beunruhigend, ja, beängstigend. Aber jetzt sind sie unerträglich. Schreckensszenarien werden Wirklichkeit. Sich damals abzeichnende Tendenzen Richtung gesellschaftliches Chaos sind Realität geworden.

Zum Zeitpunkt, wo diese Zeilen geschrieben werden (Frühjahr 2026), wüten weltweit mehr als hundert bewaffnete Konflikte. Globale Flüchtlingsströme, die vor einigen Jahren Hunderttausende betrafen, zählen heute Millionen. Die Besiegung des Hungers, dem seit den 1960er Jahren in mehreren Wellen der Kampf angesagt wurde, ist am hartnäckigen Widerstand des Agrobusiness gescheitert. Der Hunger bleibt denn auch ungefähr für jeden zehnten Erdenbewohner eine erlittene Tatsache. Die menschengemachte Erderwärmung war als drohendes Problem schon vor einem halben Jahrhundert erkannt. Sie ist in den vergangenen Jahrzehnten zur kaum noch zu bewältigenden Katastrophe mutiert, aufmerksam begleitet einerseits von der warnenden Wissenschaft, andererseits von systematischer Desinformation durch die Erdölindustrie. Die biologische Artenvielfalt nimmt unter anderem infolge des Klimanotstands weltweit ab und wirkt sich ihrerseits schädlich auf das Klima aus. Der Faschismus war kurz nach dem Zweiten Weltkrieg mit einem scharfen Tabu belegt. Aber schon bald war die Leugnung des Holocaust, verbunden mit Antisemitismus und Rassismus, wieder möglich, und heute ist der Faschismus eine weltumspannende gesellschaftliche Realität. Hassbotschaften ohne Wirklichkeitsbezug verbreiten sich rasend schnell, vor allem aufgrund der Allgegenwart gewinnorientierter sozialer Medien, die es noch vor drei Jahrzehnten gar nicht gab.

Für alle diese katastrophalen Gegebenheiten gilt: Rationales Denken, vor allem aber rationales Handeln könnte ihnen in verhältnismäßig kurzer Zeit ein Ende setzen. Aber solches Denken und Handeln wird in allen diesen Bereichen durch persönliche und kollektive Interessen vereitelt, die stärker und wirksamer sind als ebendieses Denken und Handeln. Die Aufklärung, deren Ende seit mehr als einem Jahrhundert beschworen wird, hat noch gar nicht begonnen. Der Ausgang der Menschen aus ihrer selbst verschuldeten Unmündigkeit steht noch bevor.

Die Tatsache, dass es Kriege gibt, ist nicht durch die Natur des Menschen erklärbar. Sie ist kein schicksalhaftes Verhängnis. Sie findet ihre Erklärung darin, dass hinter ausnahmslos jedem Krieg wirkliche oder vermeintliche Interessen stecken, die ihn scheinbar rechtfertigen. Kriege werden gewollt, geplant und geführt, weil Menschen daran interessiert sind und sich davon Vorteile versprechen. Das sind übrigens in der Regel nicht die gleichen Menschen, die die Kriege erleiden und an der Front stehen müssen. Der Hunger in der Welt ist ein Problem, weil Produktion, Lagerung, Verteilung und Konsum der für die Ernährung der Menschen notwendigen Lebensmittel von Interessen gesteuert werden, die stärker sind als alles rationale Denken und Handeln. Dabei handelt es sich aber nie um die Interessen der vom Hunger konkret Betroffenen. Faschismus, Antisemitismus und Rassismus sind Aspekte einer freiwilligen Abdankung des vernunftgeleiteten Denkens und Handelns. Und natürlich stehen auch sie im Dienste von Interessen, die sich nicht als solche zu erkennen geben.

Die Liste der Übel, die sich nur dem Fehlen vernunftgelenkter Denk- und Handlungsweisen verdanken, ist bedrückend lang. Müsste man aber eine Rangliste dieser Übel nach dem Kriterium ihrer unmittelbaren Gefährlichkeit aufstellen, so hätte ohne Zweifel das Desaster, das infolge neoliberaler Sprachregelungen immer noch beschönigend Klimawandel genannt wird und das in diesem Essay konsequent Klimanotstand heißt, Anspruch auf den ersten Rang. Denn die meisten anderen Übel werden entweder durch den Klimanotstand verstärkt oder sind mit ihm durch eine verhängnisvolle Wechselwirkung verbunden.

Die nicht mehr zu leugnende menschengemachte Erderwärmung erfolgt aufgrund unveränderbarer physikalischer Gesetze, die schon lange bekannt sind. Wie man dem Problem beikommen kann, ist ebenfalls bekannt und lässt sich einfach formulieren: Der Ausstoß von Treibhausgasen muss sofort weltweit drastisch vermindert werden. Paradoxerweise ist die globale menschliche Gesellschaft nicht gewillt, entsprechend entschlossen zu handeln. Das bedeutet, dass ein physikalischer Vorgang – die Erderwärmung – zu einem gesellschaftlichen Problem mutiert: dem Klimanotstand. Es würde genügen, bekannte physikalische Gesetze zu respektieren, um das Problem zu lösen. Dass dies nicht geschieht, hat nicht physikalische oder technische, sondern gesellschaftliche Ursachen. Das Klima ist zwar ein physikalisch sehr komplexes Phänomen, und die Klimawissenschaft ist deshalb ebenfalls sehr komplex. Aber die Grundgegebenheiten übersteigen in diesem Zusammenhang nicht das Verständnis eines achtjährigen Kindes: Die Atmosphäre und die Ozeane dürfen keinen Tag länger aufgeheizt werden. Also sind Treibhausgase ab heute grundsätzlich verboten. So einfach ist das – so einfach wäre das, wenn nicht eine mächtige Instanz, die mit Abstand mächtigste der Welt, sich der Lösung des Klimaproblems konsequent entgegenstellen würde und somit die eigentliche Verursacherin des Klimanotstands wäre. Diese Instanz ist die sogenannte freie Marktwirtschaft. Die Unmöglichkeit, das Problem effizient anzupacken, ist durch deren hartnäckigen Widerstand gegeben. Wäre die Wirtschaft ein Rechtssubjekt, das man gerichtlich belangen kann, müsste die Anklage gegen sie folglich lauten: Verbrechen gegen die Menschlichkeit[1].

Kompliziert wird die Sache jedoch, weil die Wirtschaft kein Rechtssubjekt, ja, überhaupt kein Subjekt ist. Vielmehr ist die Wirtschaft ein anonymes, unfassbar komplexes und unübersichtliches Geschehen, auf das Begriffe wie Bewusstsein, Verantwortung oder gar Schuld nicht angewendet werden können. Dieser Feststellung steht die Tatsache gegenüber, dass Wirtschaft von Menschen gemacht wird, und zwar ohne Ausnahme. Das gilt auch für so anonyme, der Wirtschaft dienende Einrichtungen wie den Handel, den Markt, die Börse oder das Geld. Hinter all diesen Instanzen stehen letztlich Menschen, die, eben weil sie Menschen sind, durchaus für ihr Tun zur Rechenschaft gezogen werden könnten, zum Beispiel indem man sie vor Gericht stellen würde. Es wäre nicht falsch zu behaupten, dass die in der Wirtschaft tätigen Menschen direkt oder indirekt mitwirken an der Verstärkung des Klimanotstands. Aber es wäre ungerecht, sie deswegen kurzerhand als Schuldige zu bezeichnen; denn die Wirtschaft gehorcht einem Grundgesetz, auf das kein Mensch entscheidend einwirken kann.

Das Grundgesetz der sogenannten freien Marktwirtschaft ist der Wachstumszwang. Frei ist die Marktwirtschaft nämlich nur in Bezug auf die Tatsache, dass sie sich im freien Wettbewerb der Unternehmen abspielt. Dass die Unternehmen genau aufgrund dieses freien Wettbewerbs bei Strafe des Untergangs wachsen müssen, ist Teil des Systems. Das Grundgesetz des Wachstumszwangs wird aber immer wieder in Zweifel gezogen, insbesondere von »grünen« Ökonomen und Politikern. Unverdrossen wird behauptet, »wir« müssten die Wirtschaft bloß nachhaltiger, ökologischer, klimafreundlicher, sozialer organisieren. Dann wäre der Wachstumszwang weg.[2] Aber man kann der Wirtschaft ihren Wachstumszwang nicht entziehen, wie man dem Kaffee das Koffein entzieht. Den wirtschaftlichen Wachstumszwang wird die Menschheit nur los, wenn sie die Wirtschaft loswird, wenn also anstelle der Wirtschaft ein ganz anderer Umgang mit natürlichen und menschlichen Ressourcen tritt. Davon ist die Welt meilenweit entfernt.

Ein zweites Paradox – das erste ist durch die Weigerung der globalen Gesellschaft gegeben, den gefährlichen Ausstoß von Treibhausgasen rasch zu stoppen – ein zweites Paradox ist durch die gegenwärtige Lage der Wirtschaft selbst gegeben: Sie unterliegt zwar einem Wachstumszwang; aber sie wächst seit einigen Jahrzehnten in manchen Ländern kaum mehr. Zumindest gilt dies für den warenproduzierenden Teil der Wirtschaft. Das ist teilweise systemimmanenten Gründen geschuldet, vor allem aber der Begrenztheit der irdischen Ressourcen. Aber weil der Wachstumszwang als solcher sich nicht abschaffen lässt, versuchen viele Unternehmen und die Wirtschaft als Ganzes, Wachstum unter allen Umständen zu erzwingen. Das tun sie, indem sie die Ordnung der Dringlichkeiten umkehren: Zuerst kommt das Wachstum, selbst wenn es, objektiv gesehen, kaum noch möglich ist; dann kommen andere Prioritäten; und ganz weit hinten auf der Liste steht die Bewältigung des Klimanotstands, die noch zusätzlich bald auf 2030, bald auf 2050, bald auf den Sankt-Nimmerleins-Tag verschoben wird. Diese Umkehrung der Prioritäten hat zwingend zur Folge, dass gegen alle Vernunft Ressourcen verschleudert werden, dass die Umwelt weiter zerstört wird, dass der Klimanotstand sich weiter verschärft, dass die Finanzindustrie sich unnötigerweise explosionsartig entwickelt und dass global gesehen die Unterschiede zwischen Arm und Reich immer größer werden.

Die hoffnungslose Situation der freien Marktwirtschaft, die wachsen muss und dies nicht mehr kann, ist seit Jahrzehnten von Kritikern des kapitalistischen Systems erkannt, dargestellt und erklärt worden. Eine besonders konsequente Kritik, die das System gewissermaßen an der Basis untergräbt, ist die Wertabspaltungskritik. Schon nur ihr Name ist ungewohnt und ihre Arbeit ist weitgehend unbekannt. Hier muss die Feststellung genügen, dass es sie gibt und dass sie unverzichtbare Erkenntnisse zutage liefert. Sie zeigt, dass die DNA des Kapitalismus unter dem Zwang der universellen Konkurrenz zwei unvereinbare Elemente enthält: einerseits die absolute Notwendigkeit, immer mehr Wert zu produzieren, während die für die Reproduktion unerlässlichen Tätigkeiten, die keinen Wert produzieren und denen daher der Titel der Arbeit verweigert wird, zumeist an die Frauen delegiert werden; andererseits die nicht weniger absolute Notwendigkeit, die Produktivität ständig zu steigern, d.h. schrittweise das aus dem Produktionsprozess zu entfernen, was die eigentliche Substanz des Werts ausmacht: die Arbeit. Ein entscheidender Widerspruch, der den Kapitalismus unweigerlich zu seiner eigenen allmählichen Zerstörung führt[3]. Denn der Konflikt zwischen diesen beiden systemimmanenten Tendenzen ist fundamental und daher unvermeidlich. Daraus ergibt sich eine unumkehrbare Dynamik dieser »schönen Maschine« (Adam Smith), die sie gleichzeitig an zwei Grenzen treibt: die innere Grenze der Wertverwertung, die den wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und zivilisatorischen Zusammenbruch verursacht; und die äußere Grenze, die durch das Ökosystem Erde gesetzt wird und die Ursache für den ökologischen Zusammenbruch ist.

Die Wertabspaltungskritik bietet eine rationale Analyse der gegenwärtigen Situation der freien Marktwirtschaft, und man dürfte hoffen, dass diese Kritik, deren Anfänge in die Achtzigerjahre des 20. Jahrhunderts zurückreichen, auch wirklich zur Kenntnis genommen wird. Dies ist aber kaum der Fall; die Warnungen der Kassandra werden, wo immer möglich, ignoriert. Aber auch die Wertabspaltungskritik selbst hat an der Tatsache ihrer zu geringen Resonanz einen gewichtigen Anteil. Denn erstens haben Meinungsverschiedenheiten innerhalb der dafür verantwortlichen Gruppe im Laufe von vier Jahrzehnten zu Konflikten geführt, die mehrere Aufspaltungen und damit ohne Zweifel eine Schwächung der Bewegung zur Folge hatten. Das unnachgiebige Beharren auf dem jeweils eigenen Standpunkt war wiederholt stärker als das Bedürfnis nach gesellschaftlicher Relevanz. Und zweitens hat die Wertabspaltungskritik sich wiederholt der Erwartung verweigert, ihre Theorie dürfte irgendwann Folgen für die Praxis haben. Man muss in diesem Zusammenhang in Abwandlung eines Wortes von Robert Kurz[4] von einem praxisfeindlichen Affekt der Wertabspaltungskritik sprechen. Diese selbstgewählte Isolation zeigt sich als drittes Paradox: So dringend angesichts der Brisanz des Klimanotstands eine Überwindung der sogenannten freien Marktwirtschaft ist und so einleuchtend die wertabspaltungskritische Theorie diese Dringlichkeit verstehbar macht, so wenig tut sie, zumal im deutschen Sprachraum, wenn es darum geht, ihren Erkenntnissen Taten folgen zu lassen. Die Wertabspaltungskritik übt in Bezug auf die notwendige Gesellschaftsveränderung die gleiche vornehme Zurückhaltung wie schon die Kritische Theorie in den Sechzigerjahren. Aber was man damals als Marotte einiger Linksintellektueller zur Kenntnis nehmen konnte, das führt sechzig Jahre später zur gesellschaftlichen Bedeutungslosigkeit der Kritik.

Man muss nicht hellseherisch begabt sein, um die mittelfristigen Folgen der drei geschilderten paradoxen Entwicklungen abschätzen zu können. Wenn »das« so weitergeht – und »es« wird höchstwahrscheinlich so weitergehen -,

– wird in einigen Jahren sogenanntes Geoengineering das einzige Mittel sein, die Menschheit vor dem Klimakollaps zu bewahren. Geoengineering ist das großräumige Eingreifen mit technischen Mitteln in die Vorgänge, die die Erderwärmung verursachen. Das ist vermutlich technisch möglich. Aber wer kann sich das ernsthaft wünschen? Und was für unvorhersehbare Nebenwirkungen wird dieses Eingreifen haben?

– wird die Spannung zwischen dem wirtschaftlichen Wachstumszwang und der Unmöglichkeit zu wachsen zu politischen und sozialen Zuständen führen, die den Einwirkungsmöglichkeiten aller nationalen und internationalen Instanzen weitgehend entzogen sind: Chaos, Totalitarismus, Faschismus, Krieg. Dies alles spielt sich gegenwärtig schon vor unseren Augen ab. Die einzige in diesem Zusammenhang relevante Frage ist, ob und allenfalls wie dieser Entwicklung noch einigermaßen Einhalt geboten werden könnte.

– wird die Wertabspaltungskritik allen ihren Verdiensten zum Trotz für die Bewältigung der anstehenden Probleme irrelevant bleiben, vielleicht sogar in Vergessenheit geraten. Es ist jedenfalls sehr unwahrscheinlich, dass sie zur Bewältigung der anstehenden Probleme etwas wird beitragen können, zumal sie sie dies in keiner Weise anstrebt.

Es sei denn, die Menschheit schaffe den totalen Bruch mit dem gegenwärtigen Wirtschafts- und Gesellschaftssystem und lasse sich auf etwas ganz Neues ein. Hoffen und Wünschen ist immer erlaubt. Aber eine rationale Reaktion auf die geschilderten Zustände legt etwas anderes nahe. Was ist also zu tun? Spätestens an diesem Punkt des hier verfolgten Gedankengangs würde eine nirgends festgehaltene, aber wirkmächtige Konvention dem Autor einen Appell an die Leserschaft nahelegen. Dieser Appell müsste mit der Feststellung beginnen, dass »wir« jetzt dringend handeln müssen, dass »wir« uns individuell und kollektiv zu klimarettendem, wachstumshemmendem, praxisorientiertem Handeln entschließen müssen. Aber die Erfahrung zeigt, dass solche Appelle nutzlos sind und in der Regel in ihrer eigenen Wirkungslosigkeit verpuffen.

Hier wird deshalb, unter Missachtung der erwähnten Konvention, ein anderer Weg gewählt: Man kann ja unter den dargestellten Umständen weder individuell noch kollektiv viel tun. Und doch ist man nicht machtlos. Es gibt nämlich eine Grundkonstante, die gleichzeitig tief unter der Ebene der geschilderten Entwicklungen liegt und weit über sie hinausreicht. Es ist das obligatorische Konkurrenz- und Ranglistendenken, auf das hin schon kleine Kinder systematisch abgerichtet werden. Anthropologisch gesehen, ist die Vorstellung, das Denken in Wettbewerbskategorien und Ranglisten sei allgemein menschlich und natürlich, ein grotesker Irrtum, nicht weniger grotesk als der Gedanke, Kriege seien der menschlichen Natur eingeschrieben.[5] Diese Vorstellung ist in Wirklichkeit eine vom allgegenwärtigen liberalen Denken gepflegte westliche Illusion. In unserem Wirtschafts- und Gesellschaftssystem und damit in unserem Denken und Fühlen ist sie so präsent, dass sie für viele mittlerweile sozusagen naturgesetzlichen Charakter angenommen hat.[6] Nur schon dass dies so ist, zeigt die abgrundtiefe Verdorbenheit dieses Gesellschaftssystems. Das Ranglistendenken bildet mit seinem bösen Bruder, dem Fortschrittsglauben, ein infernalisches Duo, das nichts Natürliches an sich hat. Es ist das Ergebnis einer Jahrhunderte alten Indoktrinierung, die ungefähr mit Bernard Mandeville (1670-1733) begonnen und ungefähr mit Friedrich von Hayek (1899-1992) ihre Vollendung erreicht hat. Die Menschheit erleidet gegenwärtig die brutalen Folgen dieser Entwicklung und ist noch weit davon entfernt, einen Ausgang aus diesem Schlamassel zu finden.

Wer es jedoch aufgrund eines langen Trainings schafft, sich dem Ranglistendenken und dem Fortschrittsglauben persönlich einigermaßen zu verweigern und mit dieser Haltung vielleicht sogar andere anzustecken, tut vermutlich mehr für einen durchgreifenden, nachhaltigen Gesellschaftswandel als jeder noch so entschlossene Aktivist. Es ist nicht auszudenken, welche Folgen diese Haltung, wenn sie einmal zur kollektiven Gewohnheit geworden wäre, für das System haben müsste; denn sie würde in alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens hineinwirken. Damit könnte sie mehr Wirkung entfalten – auch friedenspolitische, entwicklungspolitische und klimarelevante Wirkung – als jedes noch so gut geschnürte Maßnahmenpaket.

Zu dieser Notwendigkeit der kollektiven Entwöhnung vom Wettbewerbs- und Fortschrittsdenken gesellt sich in unserer Zeit des sich ausbreitenden Faschismus und der systematischen kriegerischen Zerstörungen die Notwendigkeit eines unbeirrbaren und beharrlichen pazifistischen Widerstands. Die Strecke, die die Menschen bis zum Erreichen einer etwas zivilisierteren und friedlicheren Zeit durchstehen müssen, wird mit Sicherheit eine lange Durststrecke sein. Anstelle eines radikalen Bruchs, der wahrscheinlich nicht erfolgen wird, muss eine geduldige allmähliche Entwöhnung vom Recht des Stärkeren gewagt werden.

Ob – und vielleicht sogar wie – diese Entwöhnungskur gelingen könnte, kann in unserer Zeit des triumphierenden globalen Faustrechts niemand wissen. Aber es muss immerhin erlaubt sein, sich über die Vorbereitung einer menschenfreundlichen Zukunft Gedanken zu machen und diese Gedanken zu verbreiten. Da drängt sich die banale Erkenntnis auf, dass die Zukunft immer in der jeweiligen Gegenwart vorbereitet wird. Kritisch denkende und handelnde Menschen, die sich dem Ranglisten- und Fortschrittsdenken und dem Recht des Stärkeren hier und jetzt verweigern, könnten die Avantgarde bilden, die der Menschheit beim Durchqueren der oben genannten Durststrecke vorangeht. Hier ist freilich die Anmerkung nötig, dass Menschen, vor allem Frauen, sich seit Jahrhunderten dem Ranglisten- und Fortschrittsdenken und dem Recht des Stärkeren verweigerten. Sie waren jedoch in den Jahrhunderten des triumphierenden Liberalismus und Kapitalismus bisher immer in einer Außenseiterposition. Aber da der Liberalismus und der Kapitalismus allmählich ihrem Bankrott entgegengehen, dürfte sich eine Rückbesinnung auf die oben erwähnte Entwöhnungskur lohnen.

Der Abschied vom Ranglisten- und Fortschrittsdenken und vom Recht des Stärkeren wird notwendigerweise gesellschaftliche Folgen haben. Plötzlich gelangen Dinge in den Vordergrund, die lange als Träumerei von Idealisten galten: eine Schule ohne Noten; eine Pädagogik, die Kinder nicht zum Leistungsehrgeiz, sondern zur Solidarität erzieht; Erzieherinnen und Erzieher, die ihre Schützlinge nicht zum Siegen, sondern zum Helfen anspornen; Sportlerinnen und Sportler, die sich der Einordnung in Ranglisten verweigern; damit verbunden die Abschaffung sportlicher Wettbewerbe, insbesondere der Olympischen Spiele; eine flächendeckende materielle, juristische und moralische Unterstützung von Kriegsdienstverweigerern. Die mannigfaltigen Aspekte einer solchen Kulturrevolution sind kaum absehbar. Aber so utopisch sie anmuten mögen, so dringend sind sie auch, wenn die Welt sich weg vom globalen Faustrecht hin auf eine zivilisiertere Form des Zusammenlebens bewegen soll.

Februar 2026

[1] Die deutsche Übersetzung von »crime against humanity« durch »Verbrechen gegen die Menschlichkeit« ist allgemein üblich, aber dem bezeichneten Sachverhalt nicht angemessen, wie Hannah Arendt, Karl Jaspers und andere feststellten. Es müsste »Verbrechen gegen die Menschheit« heißen. https://de.wikipedia.org/wiki/Verbrechen_gegen_die_Menschlichkeit

[2] Beispiele für diese Sichtweise sind etwa durch die von Herman Daly vertretene Steady-state-economy oder die von Niko Paech propagierte Postwachstumsökonomie gegeben. Das durch solche Denkrichtungen gegebene Problem liegt darin, dass Wirtschaft nicht aufgrund von Denkrichtungen praktiziert wird, sondern aufgrund von handfesten materiellen Interessen, von Konkurrenz- und Machtkämpfen.

[3] Es ist der Wertabspaltungskritik oft vorgeworfen worden, sie prognostiziere einen Kollaps des Kapitalismus. Das ist eine wissentliche oder unbeabsichtigte Fehlinterpretation ihrer Thesen. Diese meinen immer eine schleichende Tendenz zur Selbstzerstörung, nicht einen plötzlichen Kollaps.

[4] Robert Kurz (1943-2012) war der wichtigste wertabspaltungskritische Autor.

[5] Dies hat zum Beispiel der Anthropologe Marshall Sahlins (1930-2021) auf überzeugende Weise gezeigt, zum Beispiel in seinem Büchlein Das Menschenbild des Westens – Ein Missverständnis?, Matthes&Seitz, Berlin 2017.

[6] Die systematische Konditionierung aller Generationen auf das Konkurrenz- und Ranglistendenken hin würde eine sorgfältige Untersuchung verdienen, auf die hier aber vorerst verzichtet werden muss.